Harry Noormann

Bildung aus und über Religion – zum Beitrag der Wertefächer zum Menschenrechtsethos im Rahmen einer Education for Democratic Citizenship and Human Rights in Europa


1. Ziele

Das Projekt ermittelt empirische Befunde über die fachspezifischen Stärken und Schwächen einer konfessorischen religiösen Bildung („aus Religion“) einerseits und einer allgemeinen, dem staatlichen Neutralitätsgebot verpflichteten Bildung über Werte, Normen und Ethik andererseits („über Religion“) für eine diversitätssensible, inklusive Wertebildung* junger Menschen. Im Rahmen der Lehr- und Lernforschung ist das Projekt dem (Oldenburger) Forschungsparadigma der didaktischen Rekonstruktion verpflichtet. Es dient der Rekonstruktion von Haltungen, Vorstellungen und Erkenntnissen von Schüler(inne)n und Lehrer(inne)n für die fachspezifische Kompetenzbildung in Differenz und Entsprechung der so genannten Wertefächer.
Auf einer zweiten Ebene sucht das Projekt im Kontext von Biografie- und Wirkungsforschung nach empirischen Anhaltspunkten für den Stellenwert von Bildung aus und über Religion bei Menschenrechtsaktivisten im frühen Erwachsenenalter.

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* Zum reflexiven Begriff der „Wertebildung“ in Abgrenzung von „Werteerziehung“ und „Wertevermittlung“ vgl. Joachim Rupp & Friedrich Schweitzer & Georg Wagensommer: Wertebildung im BRU. Erste empirisch Befunde aus dem Institut für Berufsorientierte Religionspädagogik (EIBOR), in ZPT 62 Jg. (2010), H. 2, 129 – 139.


2. Prämissen

2.1 Das Spannungsverhältnis zwischen „Religionsunterricht“ und „Werte und Normen“ / „Ethik“ / „Praktische Philosophie“ ist vielen Schulen und Kollegien eine notorische Quelle von Missverständnissen, ungeklärten fachlichen Profilen und auch Konflikten. Ein empirischer Wissenszuwachs – fokussiert auf den Teilaspekt wertbezogener und ethischer Bildung – kann die unterrichts- und schulpraktische Profilierung der Fächer sowie ihre Kooperationspotenziale stärken.


2.2 Die bildungspolitische Aktualität der Fragen, welche Konzepte der Bildung aus und über Religion und welche schulischen Gestaltungsformen der Sache angemessen und den Lernerfordernissen zuträglich sind, ist evident.


2.3 Das Institut für Theologie und Religionswissenschaft ist an der Ausbildung von Lehrkräften für die Fächer Werte und Normen sowie katholische und evangelische Religion beteiligt. Es bietet daher günstige Bedingungen für kooperative Ausbildungsformen für die Lehrämter an Gymnasien, Berufsbildenden Schulen und Förderschulen.

3. Methodisches Design

3.1 Erste Ebene: Didaktische Rekonstruktion fachspezifischer Teilkompetenzen der Fächer Religionsunterricht / Werte und Normen / Ethik für diversitätssensible, inklusive Wertebildung. Qualitative Erhebung mit Methoden der critical incident technique in Einzelgesprächen und Gruppendiskussion mit Schülerinnen und Schülern und Fachlehrkräften.


3.2 Zweite Ebene: Religiöser Habitus und Menschenrechtsethos. Biografische Rekonstruktion der Bedeutung von Bildung aus und über Religion für soziales und menschenrechtliches Engagement. Leitfadengestützte Interviews mit dem Fokus auf die Identifizifizierbarkeit bestimmter theologischer Traditionen und Topoi für das motivationale Selbstkonzept.


Stand März 2011




Harry Noormann

Religion und Christentum in den erinnerungskulturellen Konflikten und Transformationsprozessen der Migrationsgesellschaft


1. Konzeptionelle und thematische Signaturen eines erinnerungsdidaktisch orientierten Umgangs mit der Geschichte des Christentums

1.1 Die erste Phase dieses Projekts wird mit der Herausgabe von 2 Bänden im Kohlhammer-Verlag abgeschlossen (Arbeitsbuch Religion und Geschichte, Christentum interkulturell, Bd. 1 [Stuttgart 2009], Bd. 2, Stuttgart 2011). Ziel dieser Publikationen, an denen Religionspädagogen, Historiker, Kirchenhistoriker, und Religionsgeschichtler mitgearbeitet haben, ist es, zentrale Themen der Christentumsgeschichte, die in der Religionspädagogik gemeinhin als die bildungsrelevanten Schlüsselthemen gehandelt werden, mit den Wahrnehmungen und Sichtweisen „der Anderen“ zu konfrontieren, um eine mehrperspektivische Auseinandersetzung anzubahnen. Dahinter steht didaktisch eine Achsverschiebung von einer „kanonzentrierten Didaktik“ (welche Inhalte, Themen?) zu einem erinnerungsdidaktisch basierten Ansatz.

1.2 Das Projekt „Arbeitsbuch Religion und Geschichte“ wird mit einem 3. Band fortgesetzt unter dem Thema Mission, Migration, Transformation. Migrationsprozesse (seit der frühen Neuzeit) waren häufig eng verknüpft mit Missionsmotiven (Conquista in Lateinamerika) oder mit der missionarischen Vision einer neuen Ordnung (Puritaner in Nordamerika). Religion beeinflusst dabei die Bewältigungsstrategien für Migration, aber Migration aktiviert auch Ressourcen für den Wandel der Religion. Die Fruchtbarkeit dieser These, die W. Schiffauer an gegenwärtigen Transformationsprozessen des Islam Europa entfaltet hat (Schiffauer 2005, 564ff), soll an exemplarischen historischen Beispielen mit didaktischer Relevanz aufgearbeitet und überprüft werden (etwa: die Begründung des universalen Menschenrechtsgedankens der Schule von Salamanca in Auseinandersetzung mit der Conquista; der Wandel calvinistischer und methodistischer Frömmigkeit bei der Begründung neuer Gesellschaftsordnungen in Neuengland; die Rezeption menschenrechtlicher Elemente der „Kolonialtheologie“ durch afrikanische Christen und Kirchen). Der didaktische Leitgedanke dabei ist die Sensibilisierung für Transformationsprozesse in Christentum und anderen Religionen in Auseinandersetzung mit der kulturellen Globalisierung in der Migrationsgesellschaft.


2. Von der nationalen und konfessionellen zur europäischen und ökumenischen Erinnerungskultur – ein intergenerationelles Bildungsproblem?

Die konfessionelle, religiöse und allgemein kulturelle Pluralisierung kann eine Wiederbelebung konfessionell und national profilierter Gedächtnislandschaften befördern, sie kann zu Entgrenzungen der kollektiven Erinnerung oder zu gegenläufig-parallelen Prozessen führen, die ein beträchtliches Konfliktpotenzial bergen.
Ausgehend von vorhandenen empirischen Studien werden mit qualitativen Verfahren bei jungen Erwachsenen mit höherer Bildung (Studierenden) historische Sinnbildungsprofile mit religiösen Gehalten identifiziert. Das Forschungsinteresse fokussiert dabei den potenziellen Konflikt zwischen der Vervielfältigung erinnerungskultureller Narrative (divided memories) und ihrer öffentlichen Repräsentanz und der Frage nach Kohärenzkräften des kulturellen und kommunikativen Gedächtnisses (shared memories). Die folgende Hypothese soll dabei überprüft werden: Die Erinnerung der Kriegs- und Nachkriegsgeneration ist in den ideologischen, ethnischen, nationalen und konfessionellen Denkmustern des 20. Jahrhunderts stecken geblieben. Die Gedächtnislandschaft der (gebildeten) „Generation Global“ hierzulande orientiert sich heute stärker an transnational und religiös entgrenzten Erinnerungsorten. Die Menschenrechte haben sich in den letzten Jahrzehnten zum normativen Horizont auch der Erinnerungslandschaften für eine „menschliche Entwicklung“ (UNPD) im weltweiten Maßstab entwickelt Historische Identität bildet sich tendenziell kosmopolitisch in der geteilten Überzeugung, Gewaltverhältnisse zu überwinden und für Menschenrechte einzutreten. Sie schließt eine Koexistenz der vielen, besonderen Geschichten nicht aus, sondern ein. Sie koexistiert gleichzeitig mit dem unübersehbaren Interesse an der Vitalisierung regionaler und lokaler Geschichte.


Stand März 2011